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Seit 90 Jahren auf der Bühne

Rellingens Theaterverein feiert Geburtstag. Nach „Jungfer Julchen“ werden in diesem Jahr noch „Lütt Paris“ und das traditionelle Märchen gespielt.

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Was wohl passiert wäre, wenn Hermann Reents nicht so selbstbewusst gewesen wäre? „Mehr wie scheefgohn kann dat nich“, sagte sich der spätere Zahnarzt und machte sich im Jahr 1929 daran, gemeinsam mit etwas mehr als einem Dutzend Mitstreiter des Musikvereins Gemischter Chor den Rellinger Theaterverein zu gründen. 90 Jahre später weiß man nicht nur in der Baumschulgemeinde: Schiefgegangen ist das Projekt nicht. Ganz im Gegenteil hat sich der Theaterverein zu einer echten Rellinger Institution entwickelt.

Starke Personen und Persönlichkeiten wie Reents, der Rellinger Ehrenbürger Albert Hatje, Manfred Eckhof und die aktuelle Vorsitzende Hannelore Koebe prägten und prägen den Verein. Das erste Stück, das zur Aufführung gebracht wurde, war „Im weißen Rössel“, das in der Verfilmung mit Peter Alexander auch seinen Weg auf die Kinoleinwand und ins Fernsehen fand. Bis Anfang der 1960er-Jahre bestimmten, bedingt durch die Chor-Vergangenheit, Singspiele das Programm. Danach ging man auf plattdeutsche Stücke über, wobei einige Schauspielerinnen und Schauspieler den Dialekt erst erlernen mussten.

Über das Rellinger Turnerheim und die Erich Kästner Schule im Ortsteil Krupunder fand der Verein 1992 im Theaterhaus an der Caspar-Voght-Schule in Egenbüttel seine Heimat. Hinter der Bühne in der kleinen Sporthalle lagern Requisiten, schlummern in Ordnern verborgene Schätze wie die Programme und Fotos vergangener Aufführungen. Hier trifft sich die Theater-Familie auch zum Plausch. So erinnert sich der 90 Jahre alte Kurt Oelting – seit 72 Jahre dabei – daran, dass er bei „Von den Fischer un sien Fro“ Akkordeon spielen sollte, das aber nicht konnte. Hinter dem Vorhang legte sich Manfred Jacobs ins Zeug – und spielte weiter, selbst als Oelting schon in seiner Rolle längst fortgefahren war. In Barmstedt blieb Hannelore Koebe mit dem Absatz ihres Schuhs in der Bühne stecken.

Dramatische Momente gab es, als ein Mitspieler mit einem Kreislaufkollaps auf der Bühne zusammenbrach: „Wir haben abgewartet, bis die Nachricht aus dem Krankenhaus kam, dass alles in Ordnung ist“, sagt Margrit Möller. Sie übrigens hatte die Idee, dass auch Weihnachtsmärchen aufgeführt werden, die seit 1971 fest im Repertoire sind.

Fragt man nach dem Erfolgsrezept, erinnert sich Möller an einen Ausspruch von Albert Hatje, der einst gesagt hatte: „Wir sind kein Verein, sondern ein Haufen theaterbegeisterter Menschen.“ Und die packen an, wo es Not tut: „Nur spielen ist es nicht. Es wurde immer mitgearbeitet“, sagt Anke Jacobs. Und so entwickelten sich auch Bühnenbau und Bühnentechnik kontinuierlich weiter. 

Gastspiele führten den Theaterverein, dem aktuell etwas 120 Mitglieder angehören, unter anderem nach Berlin, Bayreuth und Belgien. Mit dem schon verstorbenen Jörg Butenschön machte ein späterer Profi-Darsteller in Rellingen seine ersten schauspielerischen Schritte.

Die Rellinger beschenkt der Theaterverein zu seinem Geburtstag mit „Jungfer Julchen“ und im Herbst mit „Lütt Paris“, wo die Umwandlung eines Gemüseladens in einen Dessous-Shop für Irrungen und Wirrungen sorgt. Dazu kommt auch ein Märchen. Welches das sein wird, ist noch nicht entschieden. Und was ist mit den Vereinsmitgliedern? Sie begeben sich im Juni auf eine Überraschungsausfahrt. Falls dabei Improvisationsfähigkeit gefragt sein sollte, gibt es die beim Rellinger Theaterverein zur Genüge. ©Flomm/kommunikateam

  • 1970 spielten Georg Heilmann und Erna Schmidt in „De Reis na Helgoland“. ©Flomm/kommunikateam
  • Die Vorsitzende Hannelore Koebe und Kurt Oelting, der dem Rellinger Theaterverein seit 72 Jahren angehört, in der Kulisse des aktuellen Stücks „Jungfer Julchen“. ©Theaterverein
  • Kurt Oelting und Anke Jacobs 1989 in „Kramer Kray“. ©Theaterverein
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